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Pilotprojekt: Modernste Hitzschlagtherapie kommt direkt an den Einsatzort
Bildnachweis: DRK-Kreisverband Schwäbisch Gmünd

Modernste Hitzschlagtherapie kommt direkt an den Einsatzort

Portrait von Ute Meinke

Geschrieben von:
Ute Meinke

DRK Rettungsdienst und Feuerwehr Schwäbisch Gmünd starten gemeinsames Innovationsprojekt zur präklinischen Kaltwasserimmersion – modernste Notfallmedizin direkt am Einsatzort. Die Sommer verändern sich stark. Hitzewellen treten häufiger auf, dauern länger und erreichen Temperaturen, die noch vor wenigen Jahren in unserer Region als Ausnahme galten. Was viele Menschen als belastend empfinden, kann für andere binnen weniger Minuten lebensgefährlich werden: Ein Hitzschlag zählt zu den schwersten internistischen Notfällen.

Für Rettungsdienst und Feuerwehr bedeutet diese Entwicklung, gewohnte Einsatzkonzepte neu zu denken. Der Klimawandel stellt die Notfallmedizin vor Herausforderungen, auf die es bislang kaum etablierte Antworten gab. Genau hier setzt ein neues Innovationsprojekt in Schwäbisch Gmünd an. Gemeinsam führen der Rettungsdienst des DRK-Kreisverband Schwäbisch Gmünd und die Feuerwehr künftig die präklinische Kaltwasserimmersion als neue Versorgungsstrategie bei Patientinnen und Patienten mit Hitzschlag ein. Ziel ist es, die wirksamste medizinische Maßnahme bereits dort einzuleiten, wo sie den größten Nutzen entfaltet – unmittelbar an der Einsatzstelle.

Internationale Fachgesellschaften empfehlen heute übereinstimmend, Hitzschlagpatientinnen und -patienten so schnell wie möglich aktiv zu kühlen. Die aktuelle Leitlinie der Society of Critical Care Medicine (SCCM) bezeichnet die Kaltwasserimmersion als die effektivste Methode zur raschen Senkung der Körperkerntemperatur. Auch das American College of Sports Medicine (ACSM) spricht sich dafür aus, die Ganzkörperkühlung möglichst noch vor dem Transport in ein Krankenhaus einzuleiten. Entscheidend sind dabei die ersten 30 Minuten nach Beginn des Hitzschlags – denn jede Minute früherer Kühlung verbessert nachweislich die Überlebenschancen und reduziert das Risiko bleibender Organschäden. Aus einer Idee wurde ein gemeinsames Projekt.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse waren eindeutig. Die entscheidende Frage lautete jedoch: Wie lässt sich eine Kaltwasserimmersion überhaupt an einer Einsatzstelle realisieren? Die Antwort entstand dort, wo sie in Schwäbisch Gmünd häufig entsteht – in der engen Zusammenarbeit der Blaulichtfamilie. Das DRK wandte sich mit seiner Projektidee an die Feuerwehr Schwäbisch Gmünd. Statt langer Abstimmungsprozesse begann unmittelbar die gemeinsame Suche nach einer praktikablen Lösung. „Als die Anfrage des Rettungsdienstes kam, war für uns sofort klar: Wenn wir mit unserer Technik helfen können, dann tun wir das. Also haben wir nicht lange diskutiert, sondern gemeinsam überlegt, gebaut und getestet. Genau dafür stehen Feuerwehr und Rettungsdienst in Schwäbisch Gmünd“ so der Feuerwehrkommandant der Stadt Uwe Schubert. Auch sein Stellvertreter Max Schamberger sieht das Projekt als Beispiel moderner Gefahrenabwehr. „Außergewöhnliche Einsatzlagen verlangen manchmal außergewöhnliche Lösungen. Dieses Projekt zeigt eindrucksvoll, was möglich ist, wenn unterschiedliche Organisationen ihre Kompetenzen bündeln und gemeinsam neue Wege gehen.“

Wasser, Eis und Teamarbeit
Die praktische Umsetzung ist ebenso innovativ wie unkompliziert. Diagnostiziert der Rettungsdienst einen Hitzschlag und entscheidet sich für die präklinische Kaltwasserimmersion, alarmiert die integrierte Regionalleitstelle in Aalen die Feuerwehr unter dem Einsatzstichwort „Präklinische Kühlung“. Ein Löschfahrzeug bringt das speziell entwickelte Equipment direkt zur Einsatzstelle. Dazu gehören: ein stabiler Holzrahmen, eine eigens angefertigte wasserdichte Spezialplane, Wasser, Eis zur Erreichung der erforderlichen Kühltemperatur sowie ein Pavillon, der Patientinnen, Patienten und Einsatzkräfte während der Behandlung vor direkter Sonneneinstrahlung schützt. Innerhalb weniger Minuten entsteht so eine mobile „Badewanne“, in der die lebensrettende Kühlung bereits vor dem Transport in die Klinik beginnen kann. Normales Leitungswasser allein reicht dabei nicht aus. Erst durch die Zugabe von Eis wird jene Wassertemperatur erreicht, die nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand die schnellste und effektivste Absenkung der Körperkerntemperatur ermöglicht.

Letztendlich eine einfache Maßnahme, mit der eine gute Lösung gefunden wurde. „Denn“, so Tobias Gerhardts, Rettungsdienstleiter beim DRK, „refinanziert ist auch dieses Projekt nicht und aktuell müssen wir eigentlich sparen und können uns keine Extras mehr leisten, im Gegenteil, die Extras müssen eher rückgenommen werden, um überhaupt die Finanzierung weiterhin sicherzustellen.“ Daher so Gerhardts, sei er dankbar, dass „mit wenig Aufwand eine effektive Lösung“ gefunden wurde, die trotz Sparmaßnahme verstetigt werden können.

Wissenschaft konsequent in die Praxis bringen
Für den Rettungsdienst ist das Projekt weit mehr als eine technische Neuerung. Es steht exemplarisch für den Anspruch, wissenschaftliche Erkenntnisse konsequent in die tägliche Patientenversorgung zu übertragen. Bonifaz Eckert, Ausbildungsleiter Rettungsdienst erläutert „Moderne rettungsdienstliche Ausbildung bedeutet heute, medizinische Leitlinien nicht nur zu kennen, sondern sie auch praktisch umsetzen zu können. Dieses Projekt verbindet aktuelle Wissenschaft mit pragmatischen Lösungen und schafft eine neue Versorgungsqualität für unsere Patientinnen und Patienten.“ Auch Evamaria Großmann, stellvertretende Rettungsdienstleiterin und auf Seiten des DRK die Ideengeberin und Projektleiterin, sieht darin einen wichtigen Schritt für die Zukunft. „Innovation entsteht dort, wo engagierte Menschen bereit sind, neue Wege zu gehen. Dieses Projekt zeigt, wie viel möglich wird, wenn Fachwissen, gegenseitiges Vertrauen und eine funktionierende Zusammenarbeit aufeinandertreffen.“ Der für den Gmünder Rettungsdienst verantwortliche Arzt Kai Beschnitt freut sich über das organisationsübergreifendes Alarmierungs- und Versorgungskonzept. „Die präklinische Kaltwasserimmersion entspricht den aktuellen internationalen Leitlinien und bietet die Möglichkeit, die Prognose von Hitzschlagpatientinnen und -patienten entscheidend zu verbessern. Ich begrüße ausdrücklich, dass unser Rettungsdienst diese Entwicklung gemeinsam mit der Feuerwehr Schwäbisch Gmünd aktiv gestaltet und unterstütze dieses Versorgungskonzept uneingeschränkt.“

Gemeinsam für die Sicherheit der Menschen
Für den Ersten Bürgermeister der Stadt Schwäbisch Gmünd und Präsidenten des DRK-Kreisverbandes, Christian Baron, besitzt das Projekt Signalwirkung weit über die Stadtgrenzen hinaus. „Der Klimawandel stellt unsere gesamte Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Umso wichtiger ist es, dass unsere Hilfsorganisationen diesen Entwicklungen mit Weitsicht begegnen. Dieses Projekt zeigt eindrucksvoll, wie leistungsfähig unsere Blaulichtorganisationen sind, wenn sie gemeinsam Verantwortung übernehmen. Darauf können wir als Stadt und als Deutsches Rotes Kreuz stolz sein.“

Mehr als ein Pilotprojekt
Die Verantwortlichen verstehen das Vorhaben bewusst nicht als einmaliges Experiment. Die präklinische Kaltwasserimmersion soll in Schwäbisch Gmünd künftig regelhaft verfügbar sein und kontinuierlich weiterentwickelt werden. Die Erfahrungen aus den ersten Einsätzen werden ausgewertet und sollen in die Weiterentwicklung rettungsdienstlicher Konzepte einfließen. Vielleicht ist das Projekt deshalb weit mehr als nur eine neue medizinische Maßnahme. Es zeigt, wie sich eine Region auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet: Nicht mit großen Worten, sondern mit gemeinsamer Verantwortung, wissenschaftlicher Offenheit und dem festen Willen, Menschen die bestmögliche Hilfe zukommen zu lassen. Und es zeigt einmal mehr, was die Schwäbisch Gmünder Blaulichtfamilie auszeichnet: Kurze Wege, gegenseitiges Vertrauen und die Überzeugung, dass die besten Lösungen immer dann entstehen, wenn alle an einem Strang ziehen.

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